Warum man Latein lernen sollte

Untrennbar mit dem heutigen Verständnis für das Römische Reich und seine bis heute wirkenden Einflüsse bildet die Lateinische Sprache einen Bogen von der Antike über das Mittelalter in die Neuzeit.

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SPQR steht für den Senat und das Volk von Rom

 

Sprache Latiums und Aufstieg zur Weltsprache

Die Lingua Latina wurde ursprünglich von den Latinern, den Bewohnern der Region Latium (ital. Lazio) und einem Stamm der Italiker, gesprochen. Die italienische Hauptstadt Rom war und ist das Zentrum dieser am Tyrrhenischen Meer gelegenen Region Mittelitaliens. Ein wirtschaftlicher, strategischer und militärischer Knotenpunkt für Rom war sein Hafen Ostia (heute Ostia Antica), unweit der Tibermündung und ca. 20 km vom Stadtzentrum Roms entfernt.

Mit dem Aufstieg des 753 v. Chr. gegründeten Stadtstaats Rom zur Weltmacht auf drei Kontinenten stieg auch der Einfluss seiner Sprache. Im Jahre 275 v. Chr. (nach der gewonnen Schlacht gegen Pyrrhos bei Beneventum) kontrollierten die Römer bereits den größten Teil Italiens, von Pisae (Pisa) und Arminium (Rimini) bis Messana (Messina). Nachdem die Römer in den drei Punischen Kriegen siegreich waren, war der Aufstieg Roms zur Weltmacht besiegelt. Eroberte Gebiete wurden zu römischen Provinzen umgestaltet. Mit der Pax Romana kam römische Kultur, römische Lebensart, Straßenbau, Städtebau und römisches Recht und natürlich die römische Sprache.

In der Mitte vom “italienischen Stiefel” wird Latium heute begrenzt von den italienischen Regionen Toskana, Umbrien, Marken, Abruzzen, Molise und Kampanien. Neben Rom mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten hat Latium landschaftliche Schönheiten zu bieten, wie die Albaner Berge, die Vulkanseen Lago di Bracciano (Braccianosee) und Lago di Bolsena (Bolsenasee) sowie einige schöne Badeorte am Mittelmeer wie etwa Sperlonga.

Soviel zur Region Latium, die seit 1947 als solche wieder eine Verwaltungseinheit Italiens darstellt und die zuvor lange Zeit Kern des Kirchenstaats war. Erst 1870 wurde Latium mit Rom dem Königreich Italien angegliedert und die Hauptstadt von Florenz nach Rom verlegt. Die Auflösung des Kirchenstaats rief natürlich den Protest des Papstes hervor.

 

Vatikanstadt und Liturgiesprache

Mit Unterzeichnung der Lateranverträge 1929 wurde die Römische Frage mit Errichtung des kleinsten souveränen Staates weltweit, der Vatikanstadt schließlich gelöst. Hier ist Latein, neben Italienisch bis heute Amtssprache und innerhalb der Kirche und der theologischen Bildung spielt es nach wie vor eine wichtige Rolle. Die tridentinische Messe war seit dem Konzil von Trient (Concillium Tridentinum, 1545 bis 1563) für die Heilige Messe nach römischem Ritus sogar die allgemein verwendete Liturgiesprache bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965).

Aber nicht nur innerhalb der kirchlichen Bildung und Kommunikation war und ist Latein wichtig. Wer historische Quellen im Original lesen möchte, der muss oft auf Latein zurückgreifen, denn bis in die Neuzeit hinein war dies die Sprache von Forschung Wissenschaft. Manch einer wünscht sich dies heute noch, denn die heutige Vormachtstellung des Englischen bringt englischen Muttersprachlern insoweit einen Vorteil, den die tote Sprache Latein vermied. Latein musste jeder neu lernen und insofern mit gleichen Chancen bei der Kommunikation und Niederschrift ausgestattet.

 

Warum sollte man heute Latein lernen?

Welche Gründe sprechen denn außer diesen historischen Gegebenheiten dafür heute noch die Lateinische Sprache zu erlernen oder sein Latinum abzulegen?

Es gibt dafür viele gute Gründe, exemplarisch wollen wir hier die Wichtigsten benennen:

I. Latein hilft die Grammatik der Muttersprache systematisch zu verstehen.

II. Latein reichert den Wortschatz an, da man die vielen im Deutschen verwendeten Latinismen übersetzen kann und sich diese einprägt. Außerdem kann man uralte Weisheiten, Sprichworte und Redewendungen im Original zitieren.

III. Latein ist die perfekte Basis um andere Romanische Sprachen zu erlernen, wie Italienisch, Spanisch und Französisch.

IV. Latein fördert analytisches Denken, Konzentrationsfähigkeit und die Fähigkeit zur Genauigkeit.

V. Latein ist der Schlüssel zum Verständnis der europäischen Geschichte, Gesellschaft und Politik.

VI. Latein ist planbar und berechenbar, es liefert als Sprache bei entsprechendem Einsatz gute Möglichkeiten sein Selbstbewusstsein zu stärken.

VII. Latein ist in vielen Studiengängen eine wichtige Grundlage. Da wo das Latinum nicht Pflicht ist, bieten Lateinkenntnisse trotzdem einen großen Vorteil um sich positiv hervorzuheben. Gerade in den Rechtswissenschaften (Jura), den Geisteswissenschaften, der Philosophie, den Naturwissenschaften (z.B. Pharmazie) und in der Kunst ist Latein als Grundlage vorteilhaft.

VIII. Latein war lange die Lingua franca der Wissenschaft. Ganz zu schweigen von den Originaltexten der Antike, die Jahrtausende alt sind und vom Lateinkundigen heute noch verstanden werden. Eine bildungstechnische Zeitreise und ein Erfolgserlebnis der besonderen Art.

IX. Latein bietet den Zugang zu den römischen Zahlen, deren Anwendung heute in vielen Ordnungseinheiten Anwendung findet. Man erlernt hierdurch klaren Gliederungen vorzunehmen und Aufgaben in Teileinheiten zu gliedern. Wer das versteht, der wird geduldig und sagt: “Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden”.

X. Latein zu erlernen bedeutet auch automatisch mehr über die Antike, deren Kultur und Mythenwelt zu erfahren. Und das macht einfach Spaß!

 

Diese Gründe sind nur einige Exempel (lat. exemplum) für gute Argumente heute noch die Lateinische Sprache zu erlernen und sich für die Kultur der Römer zu interessieren!

Es ist schon bemerkenswert: die Faszination für die Geschichte der Römer und die Verwendung ihrer Sprache bis in die heutige Zeit ist ungebrochen. Kein anderes antikes Volk hat über einen so langen Zeitraum Politik, Kultur und Wissenschaft derart beeinflusst, wie es die Römer getan haben und durch ihr Nachwirken noch immer tun.

Im Bildungsbereich ist das Latinum, als Nachweis lateinischer Sprachkenntnisse, aufgrund der starken Einflüsse in verschiedenen Wissenschaften empfehlenswert oder sogar obligatorisch. Ein Latinum bietet für Deutschsprachige nicht nur eine hervorragende Grundlage zum Verständnis der muttersprachlichen Grammatik, sondern auch die Möglichkeit zur Steigerung von Konzentration, Genauigkeit und analytischem Verstand.

Ebenso bietet es natürlich zum Erlernen der anderen “lebendigen” romanischen Sprachen wie Spanisch, Italienisch und Französisch Vorteile, da diese bis heute eng verwandt mit dem Latein sind.  Die Bezeichnung von Latein als tote Sprache ist daher aus vielen Gründen irreführend, denn von den toten Sprachen ist Latein wohl die Fidelste.

 

Vom Stadtstaat zum Weltreich

Der Beginn Roms (lat. Roma), der “ewigen Stadt” am Tiber, war nach der Aeneis-Sage des Dichters Vergil am 21. April 753 v. Chr. Aus dem von Romulus und Remus gegründeten Stadtstaat wurde später ein antikes Weltreich, dass in seiner größten Ausdehnung unter Kaiser Trajan 117 n. Chr. weite Teile Europas beherrschte und sich dazu bis nach Afrika und Asien ausdehnte.

Das Römische Reich (lat. Imperium Romanum) hat dabei sein Wesen deutlich in seine vielen Provinzen getragen. Die einheitlich und straff organisierten römischen Legionen eroberten nicht nur andere Länder und Völker, sie erschlossenen diese auch mit Straßen entlang der Handelswege. Nicht ohne Grund heißt es noch heute: Alle Wege führen nach Rom!

Entlang dieser Wege und Straßen entstanden nicht nur befestigte Militärlager, sondern auch Versorgungsstationen und Straßendörfer.

Hierdurch konnten kleinere Siedlungen bald zu Städten werden, wie etwa die Colonia Claudia Ara Agrippinensium, das heutige Köln. In diesen Metropolen florierte wie in der Stadt Rom selbst, nicht nur der Handel, sondern auch die vielen kulturellen und technischen Errungenschaften. Diese erforderten Ressourcen wie eine kontinuierliche Wasserversorgung. Aber auch hierfür hatten die Römer mit den Aquädukten eine technisch seinerzeit fortschrittliche Lösung parat. Die Aquädukte führten wie die Eifelwasserleitung (oder der Römerkanal) frisches Wasser aus der Eifel in die Haushalte, die Brunnen und Thermen von Köln.

 

Bis heute wirkende Einflüsse des antiken Roms

Auch die römische Verwaltung wurde, insbesondere während der Pax Romana (27 v. Chr. bis 180 n. Chr.) “exportiert” und in den römischen Provinzen gab es ein einheitliches Verwaltungs- und Steuersystem. Der Einfluss Roms wurde mit einer Romanisierung in den eroberten Gebieten tief verwurzelt.

Waren jedoch Völker besiegt worden, bot ihnen Rom die Kooperation an. Es versuchte großzügig, meist mit Erfolg, die besiegten Stämme von den Annehmlichkeiten der römischen Zivilisation zu überzeugen. So setze auch in den Provinzen Frieden, Aufschwung und kulturelle Blüte ein. Und auch noch im Mittelalter und in der Neuzeit wurde hieran angeknüpft. Latein war lange die führende Sprache an den Universitäten, sowie in Literatur und Kirche. Wissenschaftliche Arbeiten wurde auf Latein verfasst und möchte man diese heute im Original lesen, muss man Lateinkenntnisse haben.

Auch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), einer der Vorläufer der Europäische Union (EU) wurde 1957 mit den Römischen Verträgen gegründet. Zufall oder nicht, aber Rom ist unbestritten bis heute eine Stadt der Sehnsucht und Lebensfreude. Freunde der Antike und der Romantik wandeln hier im Zentrum ihrer Leidenschaft.

Neben den vielen antik-historischen Sehenswürdigkeiten wie dem Forum Romanum, dem Kolosseum und den Trajansmärkten beherbergt die italienische Hauptstadt eine staatspolitische Besonderheit: die Enklave der Vatikanstadt, dem kleinsten Staat der Erde und dem einzigen wo Latein (neben Italienisch) noch als Amtssprache fungiert. Hier gibt auch der Papst, der Bischof von Rom, zu Ostern und Weihnachten seinen feierlichen “Urbi et Orbi”-Segen (dt. Der Stadt und dem Erdkreis).

Die Römer hinterließen nicht nur bauliche Reliquien, sondern ihr Wirken ist bis heute in Bezeichnungen, Redewendungen, vielen Vornamen sowie zahlreichen Latinismen etc. (lat. et cetera) zu finden. Im Alltag begleiten uns die lateinischen Buchstaben und noch heute sind zudem viele wissenschaftliche Begriffe, ob in der Medizin, der Pharmazie, der Biologie, der Architektur, den Geisteswissenschaften und natürlich in der Rechtswissenschaft (Jura) lateinischem Ursprungs.

Es gibt daher, aller Unkenrufe zum Trotz, auch heute noch gute Gründe Latein zu erlernen und sich mit dem Antiken Rom zu beschäftigen.

In diesem Sinne wünschen wir hierbei viel Freude bzw. Gaudium!